Was heißt »Gender Diversity«? – eine Definition

Diversity in SymbolenMit meiner sozialpsychologischen und systemischen Brille betrachtet, defininere ich Gender Diversity als ein Konstrukt, das aus zwei Teilen zusammengesetzt wird.

1. Gender

Gender, in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht, ist eine soziale Konstruktion von Geschlechtsmerkmalen, offensichtliche und zugeschriebene. Offensichtlich bedeutet hier, einfach zu beobachtende Erscheinungen wie weibliche/männliche Körperformen, männliche/weibliche Bewegungen, etc. Mit zugeschriebenen Merkmalen meine ich hier Interessen, Talente, Fähigkeiten, etc. Und ausgehend, von dem Standpunkt, das wir als Beobachter von Phänomenen erst bei der Beobachtung eine Bedeutung oder Sinn geben, können wir auch zwischen diesen beiden Polen ein fließenden Übergang feststellen, in dem Erscheinungen nicht eindeutig mit »männlich« oder »weiblich« bezeichnet werden kann. Eng verbunden mit einem Gender sind Verhaltensweisen und Erscheinungen, die in der Kultur verankert sind und aus der Jede(n) sein Set von Erwartungen, was »weiblich« und »männlich« ist, erstellt. Diese Erwartungen beinhalten auch Vorstellungen über soziale Rollen, wie bspw. Frauen sind behütend, umsorgend und somit ideal für Pflegeberufe. Männer sind erfolgsorientiert, schaffen die Lebensgrundlage für ihre Familie und somit ideal für die harte Berufswelt. Diese kulturellen Erwartungen wirken auch als Normen, die Menschen zu erfüllen haben. Und derer gibt es viele – die meinsten sind uns nicht bewusst und wir können sie kaum beschreiben. Aber sie wirken – auf uns und durch uns.

Alles Gesagte ist von jemanden gesagt.
(Humberto Maturana, 1987)

Besonders interessant wird es, wenn Beobachtungen nicht zu den eigenen Gender-Erwartungen passen. Nach Irritation folgt vielleicht der Versuch, die »Welt wieder zurechtzurücken«, in dem die Gender-untypische Person zum Einhalten der Gender-Norm gedrängt wird. Das kann mit vielen Mitteln geschehen: Gespräche, Druck aufbauen, Arbeitstrukturen so verändern, das Un-Normales darin keinen Platz findet, usw. Ist das für den/die Beobacher/in erfolgreich, ist die »Welt wieder in Ordnung«. Ist dies für den/die Beobachter/in nicht möglich, so muss er/sie etwas bei sich ändern, um nicht ständig in dieser inneren Anspannung (Dissonanz) zu leben. Sie/er könnte die eigene Auslegung der kulturellen Norm soweit variieren, so das sie nicht widerspricht. Oder die betroffene Norm für diese bestimmte Person als unpassend erklären (= aussetzen), weil die beobachtete Person eben etwas ungewöhnlich ist. Auch könnte, wenn mehrere Beobachter gleichartige Beobachtungen tätigen, die kulturelle Norm generell ausgesetzt/ungültig werden; es wäre dann nicht mehr Un-Normal, im weiteren vielelicht sogar Teil des Normalen.

Ein Beispiel: Bis in die 1990er Jahre gingen Kinder allein zur Grundschule, das sie von ELtern gebracht wurden, war schon »merkwürdig«. Heute erscheint selber-zur-Grundschule-gehen als abwegig und das elterliche Bringen als Normalfall (beides mit vielfältigen Folgen).

2. Diversity

Diversity bedeutet Vielfalt, Mannigfaltigkeit, Verschiedenheit. Im täglichen Leben heißt dies Vielfalt der Kulturen, Verhaltensweisen, Talente, Werte, Normen, Geschlechter, Aussehen, Herkunft, … Beachtenswert ist (aus systemsicher Sicht), das wir selbst erst durch Beobachtung, Bewertung und Unterscheidung Vielfalt oder Gleichförmigkeit herstellen. Ob wir beobachtete Situation und Phänomen Verschiedenart und Gleichartig beurteilen, obliegt uns selbst – allermeistens unbewusst.

Unterscheidungen treffen wir aus bestimmten Motiven heraus: Abgrenzung gegen Andere (du – ich, wir -sie, Mann – Frau), Fahigkeiten (kann dies – kann jenes nicht), zur Ortsbestimmung (Hier – Dort, Oben -Unten, Rechts – Links), für Farbensehen (Rot – Grün), etc. Die Kriterien zur Unterscheidung sind unsere persönlichen, mit einigen Andern geteilte oder allgemein geteiltet Ansichten. Daraus lässt sich folgern, das wir keine »natürlichen« Unterscheidungs-Kriterien (Kriterien an sich) benutzen, sondern von Fall zu Fall diese erst konstruieren. Somit lassen sich Unterscheidungen und Nicht-Unterschiedungen verändern/beeinflussen. Durch bewusstes Unterscheiden und bewusstmachen der verwendeten Kriterien – Reflexion des eigenen Handelns.

Testen Sie sich selbst:

Im beruflichen Umfeld beobachten Sie die folgenden Phänomene. Was sind Ihre ersten Gedanken dazu?

Familienbild auf SEINEM Schreibtisch:
Familienbild auf IHREM Schreibtisch:

ER spricht mit Kollegen:
SIE spricht mit Kollegen:

ER ist nicht am Schreibtisch:
SIE ist nicht am Schreibtisch:

ER geht auf eine Geschäftsreise:
SIE geht auf eine Geschäftsreise:

ER heiratet:
SIE heiratet:

ER bekommt ein Baby:
SIE bekommt ein Baby:

(Auszug aus: Natasha Josefowitzs »Impressions from an office«)

erstellt am: 06.12.2013 von: Jens Heidenreich.    Kategorie(n): Diversity

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